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Kinder- und Jugendhilfereport Extra 2021

Die Kinder- und Jugendhilfe – zwischen Ausbau, Konsolidierung und Herausforderungen

Das Wachstum der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland verlief in diesem Jahrhundert nahezu ungebremst. Vor allem die Kommunen, aber auch der Bund und die Länder haben für ihre Angebote und Maßnahmen im Jahr 2019 insgesamt 54,9 Milliarden Euro aufgewendet – mehr als doppelt so viel wie noch zehn Jahre zuvor.

Mit ihrem breiten Angebotsspektrum ist die Kinder- und Jugendhilfe längst zu einem elementaren Teil der personenbezogenen sozialen Dienste geworden. Dieses reicht von Betreuungs-, Bildungs- und Freizeitangeboten für Kinder und Jugendliche über die „Hilfen zur Erziehung“ für Familien und Eingliederungshilfen bei einer (drohenden) seelischen Behinderung junger Menschen bis hin zu Schutzmaßnahmen für Kinder und Jugendliche in Notsituationen. Die Kindertagesbetreuung ist dabei das mit Abstand größte Arbeitsfeld.  

Auch als Arbeitgeber nimmt das Gewicht der Kinder- und Jugendhilfe hierzulande immer mehr zu: In den rund 94.000 Einrichtungen und Dienststellen der überwiegend gemeinnützigen, zivilgesellschaftlichen Träger der Kinder- und Jugendhilfe arbeiten mittlerweile mehr als 900.000 Personen pädagogisch. Damit übersteigt diese Branche inzwischen die aktuell rund 780.000 Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen. Ehrenamtlich und freiwillig Engagierte sind dabei noch gar nicht mitgezählt.

Mit ihren vielfältigen Angeboten und Unterstützungsleistungen trägt die Kinder- und Jugendhilfe verstärkt zum Aufwachsen junger Menschen bei. Das belegt und veranschaulicht die neu erschienene Extra-Ausgabe des Kinder- und Jugendhilfereports 2021, die die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik im Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Technische Universität Dortmund veröffentlicht hat. Der Report bietet einen schnellen Überblick über die wichtigsten statistischen Daten für die gesamte Kinder- und Jugendhilfe und ist eine zentrale Grundlage für die zahlreichen aktuellen fachlichen und fachpolitischen Diskussionen über Herausforderungen und Weiterentwicklungsbedarfe der Kinder- und Jugendhilfe.

Ausgewählte Ergebnisse

  • Die Anzahl junger Menschen steigt wieder an

Kinder, Jugendliche und junge Volljährige sind die hauptsächlichen Zielgruppen der Angebote in den verschiedenen Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe. Nachdem die Anzahl dieser Gesamtgruppe seit den 1990er-Jahren zurückging, ist sie in den 2010er-Jahren aufgrund höherer Geburtenzahlen und einer verstärkten Zuwanderung wieder gestiegen und umfasst Ende 2019 etwa 22 Millionen Menschen. Diese Zahl setzt sich zusammen aus gut 8 Millionen jungen Volljährigen (18 bis unter 27 Jahre) und knapp 14 Millionen Minderjährigen, unter ihnen 5 Millionen Kinder im Alter von unter 6 Jahren. Etwa jede 6. Person in der Bevölkerung ist damit unter 18 Jahre alt. Die Zuwächse seit 2016 fanden vor allem in den jüngeren Altersgruppen statt, während die Anzahl der annähernd Volljährigen und jungen Erwachsenen zuletzt leicht rückläufig war. In näherer Zukunft wird die Gesamtzahl an Minderjährigen voraussichtlich noch etwas weiter steigen, bevor sie mittel- bis langfristig wieder sinken dürfte.

  • Ausbau in der Kindertagesbetreuung im ersten Lebensjahrzehnt in allen Altersgruppen

Der bereits länger anhaltende massive Ausbau der Kindertagesbetreuung hat sich auch in den letz-ten Jahren ungebremst fortgesetzt und sogar intensiviert. Allein in den letzten drei Datenjahren zwischen 2017 und 2020 wurden für mehr als eine viertel Million Kinder zusätzliche Plätze geschaffen, 2.300 neu gebaute Kitas sind hinzugekommen und fast 94.000 zusätzliche Beschäftigte wurden dafür eingestellt. Zudem ist eine verstärkte Altersmischung in den Kitas zu beobachten. Nachdem der Schwerpunkt des Ausbaus lange auf den unter 3-Jährigen lag, rückten zuletzt demografiebedingt auch wieder die älteren Kinder stärker in den Mittelpunkt. Bis Ende des Jahrzehnts ist mit einem weiteren Ausbau in allen Altersgruppen zu rechnen, da nach wie vor der Bedarf an zusätzlichen Plätzen und an Fachkräften vor allem in Westdeutschland erheblich ist und erst einmal weiter steigen wird, vor allem dann, wenn der geplante Rechtsanspruch auf ein Ganztagsangebot für Kinder im Grundschulalter kommen sollte.

  • Neuer Höchststand bei den „Hilfen zur Erziehung“ bei sich abschwächender Wachstumsdynamik

Pflegefamilien, Heime und Wohngruppen für Heranwachsende sind neben den ambulanten Hilfen für Familien und der Erziehungsberatung wichtige Angebote der „Hilfen zur Erziehung“. Deren Inanspruchnahme ist im Vergleich zum Beginn der 1990er-Jahre – also seit Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes – deutlich gestiegen. Im letzten Jahrzehnt ist dieser Anstieg vor allem durch einen verbesserten Kinderschutz und die zwischenzeitlich vehement gestiegenen Fallzahlen bei den unbegleitet nach Deutschland eingereisten Minderjährigen bedingt. Diese Entwicklung ging mit steigenden finanziellen Aufwendungen und vermehrten Personalressourcen einher.

Insbesondere bei den stationären Hilfen hat sich nunmehr bestätigt, was sich zuletzt schon andeutete: Die Wachstumsdynamik hat sich in den letzten Jahren wieder abgeschwächt. Aktuell zeichnet sich gar ein rückläufiger Trend ab. Hauptursache ist, dass die jungen Geflüchteten, die in den Jahren 2015 und 2016 unbegleitet nach Deutschland kamen, mittlerweile zu einem großen Teil volljährig geworden sind und diese jungen Menschen nach und nach keine weitere Unterstützung durch die Kinder- und Jugendhilfe mehr erhalten. Weiterhin ansteigend sind hingegen die ambulanten Hilfen..

  • Offene Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit sind eine knappe Ressource für junge Menschen

Offene Angebote der Kinder- und Jugendarbeit sind ein knappes Gut – rechnerisch teilen sich mehr als 700 junge Menschen zwischen 6 und 26 Jahren eines der rund 19.000 Angebote in Deutschland. Nur 22 Prozent dieser frei zugänglichen Bildungs- und Freizeitangebote sind an mindestens 5 Tagen in der Woche geöffnet. Gleichzeitig deuten die Daten darauf hin, dass viele Angebote auf eine breite Zielgruppe ausgerichtet sind: So nahmen an 46 Prozent der Angebote auch Kinder unter 10 Jahren teil, und 28 Prozent sind gemeinsam mit der Schule durchgeführt worden.

  • Der Bedeutungszuwachs des Kinderschutzes verändert die Jugendämter und ihre Sozialen Dienste

Die 558 Jugendämter in Deutschland unterscheiden sich erheblich voneinander – zumeist handelt es sich allerdings um kleine bis mittelgroße Organisationen. Das statistisch „mittlere“ Jugendamt verfügte im Jahr 2018 über 57 Vollzeitstellen. Zwölf Jahre zuvor war das Durchschnittsjugendamt mit insgesamt 32 Vollzeitstellen noch deutlich kleiner. Insbesondere das Personal in den Allgemeinen Sozialen Diensten (ASD) der Jugendämter wurde ausgebaut und seit 2006 verdoppelt. Dieses Wachstum und der damit forcierte Generationenwechsel im ASD erfordern vielerorts erhebliche organisatorische Neuordnungen. Notwendig wurde diese Entwicklung unter anderem aufgrund eines erheblichen Zuwachses der Kinderschutzaufgaben. Bis 2019 wurden von Jahr zu Jahr immer mehr Ressourcen für die Einschätzung und Bearbeitung möglicher Kindeswohlgefährdungen auf-gewendet. In solchen Fällen handeln die ASD-Fachkräfte in einem konfliktträchtigen Spannungsfeld.

Download und weitere Informationen

Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendhilfereport sowie Download- und Bestellmöglichkeiten finden Sie hier.