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Fachtagung zu den Hilfen zur Erziehung in Nordrhein-Westfalen am 7. Juli 2026 in Gelsenkirchen

Eine Kooperationsveranstaltung der beiden Landesjugendämter Westfalen-Lippe und Rheinland sowie der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik

Am 7. Juli 2026 fand die sechste Fachtagung in der Reihe „Hilfen zur Erziehung im Dialog“ im Wissenschaftspark in Gelsenkirchen statt. 

Unter dem Titel „Hilfen zur Erziehung: zwischen Anspruch und Machbarkeit“ wurde der Blick auf das Spannungsfeld gerichtet, in dem sich das zweitgrößte Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe derzeit bewegt. Im Mittelpunkt standen das Verhältnis zwischen hohen Ansprüchen an Qualitätssicherung und Leistungsfähigkeit einerseits sowie die vielfältigen fachpolitischen Herausforderungen andererseits. Gesetzliche Neuerungen, anhaltend steigende Fallzahlen und Ausgaben sowie knappe Platzkapazitäten markieren zentrale Entwicklungslinien der vergangenen Jahre. Sie prägen die aktuellen Diskurse ebenso wie die praktische Arbeit vor Ort.

Etwa 170 Expert:innen aus Praxis, Wissenschaft und Politik diskutierten auf der Grundlage von empirischen Befunden aus der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik (KJH-Statistik) und Einblicken aus der Praxis zu aktuellen Themen rund um die Hilfen zur Erziehung in Nordrhein-Westfalen.

Nach der Begrüßung durch Sandra Rostock vom Landesjugendamt Rheinland (LVR) machte Dr. Thomas Mühlmann von der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik (AKJStat) im Forschungsverbund DJI/TU Dortmund mit seinem Vortrag den Anfang und gab einen Überblick über die Entwicklungen in den Hilfen zur Erziehung der letzten 15 Jahre. Dabei lag der Schwerpunkt des Vortrags auf den Ausgabensteigerungen in den verschiedenen Hilfearten des Feldes. Im Rahmen einer Spurensuche für mögliche Begründungen für die teilweise hohen Anstiege der finanziellen Aufwendungen wurden nicht nur die besondere Bedeutung der allgemeinen Preis- und Lohnentwicklung sichtbar, sondern auch deutliche Zusammenhänge mit der Fallzahlentwicklung, insbesondere im ambulanten Bereich. Bei stationären Maßnahmen und Hilfen ist hingegen nur ein Teil der Ausgabenentwicklung durch Fallzahlen zu erklären. So stiegen im Bereich der Inobhutnahmen die Ausgaben vor allem im Kontext einer längeren durchschnittlichen Maßnahmendauer. Insgesamt verwies der Vortrag auf die Notwendigkeit, über die Ausgabenentwicklung in der Kinder- und Jugendhilfe auf der Grundlage differenzierter Daten zu diskutieren. 

Im anschließenden Vortrag gab Frau Professorin Dr. Zoë Clark von der Universität Siegen empirische Einblicke in die Praxis stationärer Hilfen zur Erziehung in Wohngruppen. Im Mittelpunkt stand die kritische Frage nach dem Umgang mit Regelbrüchen junger Menschen im Horizont des Spannungsverhältnisses von Disziplinieren und Beteiligen. Gegenübergestellt wurden die Perspektiven von jungen Menschen selbst und den Fachkräften in Wohngruppen. Hervorgehoben wurde als ein zentrales Ergebnis, dass die Schaffung von partizipativen Settings Akzeptanz und Sicherheitsempfinden fördert und die mitunter komplexen Hilfeverläufe junger Menschen eher begünstigt als strafende Disziplinierung.   

Nach der Mittagspause ging es in fünf Themenforen weiter. Empirische Befunde aus den Arbeiten der AKJStat wurden hier durch Expert:innenbeiträge aus der Praxis ergänzt und gemeinsam mit den Teilnehmenden diskutiert.

Im Forum 1 wurden neue Daten zu Strukturen und Personal in den stationären Hilfen zur Erziehung vorgestellt und diese Ergebnisse im Lichte veränderter Anforderungen diskutiert. Die Einrichtungsaufsichten der Landesjugendämter von LVR und LWL berichteten über Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen Anspruch und Machbarkeit in den letzten Jahren sowie über aktuelle Entwicklungen, beispielsweise Hinweise auf einen Anstieg des Personals bei gleichbleibenden Platzzahlen. Als mögliche Gründe für diese Diskrepanz benannten die Teilnehmenden zunehmende Teilzeitbeschäftigungen und intensivere Hilfeformen. Als Handlungsansätze zur Weiterentwicklung der Praxis wurden eine Erleichterung der Planung durch bessere Daten, Verfahren und (Software-)Instrumente – beispielsweise zur Suche passgenauer Hilfen – sowie eine gute Kooperation zwischen öffentlichen und freien Trägern, etwa in Form regional integrierter Lösungen, diskutiert.

In einem weiteren Forum wurde der Blick auf die Rolle der Erziehungsberatung und des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) im Kinderschutz gerichtet. An den Beispielen der Erziehungsberatungsstelle der Stadt Mönchengladbach und des ASD der Stadt Eschweiler wurden Erfahrungen zu den unterschiedlichen Aufgaben, aber auch zu der Schnittstellenarbeit im Kinderschutz ausgetauscht, welche mit Herausforderungen einhergehen. Ein wesentliches Ergebnis des Forums war, dass die unterschiedlichen Perspektiven der beiden Hilfesysteme für den Hilfeprozess von Adressat:innen gewinnbringend sein können, sofern dieser von klaren Strukturen, Vertrauensarbeit und regelmäßigem Austausch von beiden Akteuren gepflegt wird.

Im Forum 3 stand die Beendigung erzieherischer Hilfen im Fokus. Der Blick richtete sich dabei vor allem auf die Fälle, die in der amtlichen Statistik als unplanmäßige Beendigungen erfasst werden. Ergänzend wurde am Beispiel des Jugendamtes Herne vorgestellt, wie eine differenziertere interne Erfassung praxisnäher genutzt werden kann. Dabei wurde der datengestützte Qualitätsdialog als Kommunikationsinstrument zwischen öffentlichem und freiem Träger hervorgehoben. Diskutiert wurden im Forum vor allem die begrenzte Aussagekraft der amtlichen Statistik aufgrund fehlender Differenzierungen sowie ihre eingeschränkte Passung zur Praxis.

Im Forum 4 standen Hilfen und Leistungen für junge Menschen mit (drohenden) Behinderungen und ihren Familien im Vordergrund. Zum einen wurden Zahlen der Eingliederungshilfen nach dem SGB IX sowie nach dem SGB VIII auf Grundlage amtlicher Statistiken regionalspezifisch aufbereitet und Besonderheiten in der Verteilung und Entwicklung dieser Leistungen diskutiert. Zum anderen wurde das Tätigkeitsfeld der Verfahrenslots:innen auf Grundlage eigens erhobener Daten des Landesjugendamtes Westfalen-Lippe (LWL) näher beleuchtet und dabei Zugänge, Aufgaben, Adressat:innen und Beratungsverläufe diskutiert. Das Forum war geprägt von einer interessierten, konstruktiven und vielschichtigen Debatte über die Praxis der Förderung und Unterstützung von jungen Menschen mit Behinderung und ihren Familien sowie über Herausforderungen im Kontext einer inklusiver werdenden Kinder- und Jugendhilfe.

Forum 5 beschäftigte sich mit den Hilfen für junge Volljährige und Care Leaver:innen vor dem Hintergrund steigender Fallzahlen. Im wissenschaftlichen Input stand dabei im Fokus, inwieweit sich die Gewährungspraxis der Jugendämter insbesondere seit Inkrafttreten des Kinder- und Jugendstärkungsgesetzes (KJSG) 2021 verändert hat und welche Rolle der 18. Geburtstag für die (vorzeitige) Beendigung und Neugewährung von Hilfen spielt. Ein Beitrag aus der Praxis der Stadt Bochum ergänzte Perspektiven und Konzepte zur Unterstützung und Begleitung von Care Leaver:innen. Im Plenum diskutiert wurden u.a. die Herausforderungen beim Übergang in die Selbstständigkeit, verschärft durch Wohnraumknappheit sowie die unterschiedliche Gewährungspraxis örtlicher Träger.

Die Foren waren geprägt von lebhaften, konstruktiven Diskussionen. Dabei wurden Erkenntnisse und Erfahrungen geteilt sowie Impulse für die Zukunft der Hilfen zur Erziehung und des landesweiten Berichtswesens entwickelt.

Die anschließende Podiumsdiskussion mit dem Titel: „Rechtsanspruch, Fachlichkeit und Finanzdruck: Wohin steuern wir die Hilfen zur Erziehung?“ griff die unterschiedlichen Spannungsfelder auf, in denen sich das Feld der Hilfen zur Erziehung bewegt. Vertreter:innen aus der Wissenschaft sowie der Praxis diskutierten konstruktiv über verschiedene Möglichkeiten im Umgang mit den vielfältigen Herausforderungen. Das Spektrum der diskutierten Perspektiven reichte von sozialräumlich ausgerichteten, ganzheitlichen kommunalen Strategien bis hin zur kritischen (Selbst-)Reflexion des Zusammenspiels zwischen öffentlichen und freien Trägern sowie jungen Menschen und ihren Familien. Hervorgehoben wurde u.a. die Bedeutung von Verantwortungsgemeinschaften zwischen den verschiedenen Akteur:innen im Feld der Hilfen zur Erziehung – ebenso wie die Notwendigkeit stärkerer Kooperationen mit weiteren Systemen des Bildungs- und Sozialwesens. 

Zum Schluss der Fachtagung würdigte Sabine Meißner – Leiterin des Referats „Kinder- und Jugendrecht, Jugendfreiwilligendienste, Petitionen, Ergänzendes Hilfesystem (EHS)“ der Abteilung für Kinder und Jugend im Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (MKJFGFI NRW) – die besonderen Anstrengungen der Akteur:innen des Arbeitsfeldes vor Ort, gerade im Lichte der aktuellen Herausforderungen. Mit Blick auf die Rolle und Handlungsmöglichkeiten des Ministeriums im Feld verwies Frau Meißner u.a. auf verschiedene Strategien des Landes zur Fachkräftegewinnung, wie das landesgeförderte Modellprojekt „Vertiefungsspur ASD“, aber auch seine Beteiligung am Diskussionsprozess rund um den Referent:innenentwurf zum Ersten Kinder- und Jugendhilfestrukturreformgesetz (1. KJHSRG). Hierzu hat sich das Land zuletzt insbesondere bezüglich der zeitlichen und finanziellen Perspektive der inklusiven Lösung kritisch eingebracht.

Die sechste Fachtagung aus der Reihe „Hilfen zur Erziehung im Dialog“ hat einmal mehr die große Bedeutung des gemeinsamen Austausches zwischen den verschiedenen Akteur:innen aus Praxis, Wissenschaft und Politik sichtbar gemacht. Empirische Analysen auf Basis der amtlichen KJH-Statistik leisten hierbei einen wichtigen Beitrag zur Versachlichung fachlicher Debatten. Zugleich können sie durch die Perspektiven aus Fachpraxis und Fachpolitik eingeordnet und weitergedacht werden.

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Beiträge der Fachtagung als Download


Flyer der Veranstaltung


Die Fachveranstaltung mit dem Reihentitel „Hilfen zur Erziehung im Dialog“ ist Teil einer Transferstrategie für das landesweite Berichtswesen in NRW – ein Projekt, welches durch das Land gefördert und gemeinsam von den beiden Landesjugendämter und der AKJStat durchgeführt wird. Der nächste HzE-Bericht – als weiterer Baustein der Transferstrategie – wird im Jahr 2027 erscheinen.